Glaubt nicht, dass ich mir die Frage nicht jeden Tag selbst stelle! Ich habe immerhin festgestellt, dass meine Explikationen bezüglich meiner aktuellen Beschäftigungen im Allgemeinen zwischen "Aha!", "Oh!" und "Wow!" liegen und auf dem Spektrum menschlicher Emotionen ein Gemisch aus Erstaunen, Erschrecken, Unglauben und Bewunderung mit sich bringen.
Warum das so ist, nun ja, soweit bin ich mit meiner Analyse noch nicht gekommen. Macht der Erwerb eines Doktortitels heute noch so viel Eindruck? Oder ist allein die Tatsache, dass sich jemand mit dem in der Schule oftmals unbeliebten Fach Geschichte so intensiv beschäftigt, Grund genug für die Anerkennung? Liebend gerne würde ich nun einen Monolog zur Begeisterung, die LehrerInnen für ihr Fach hervorrufen könnten, ansetzen, sehe aber ein, dass das mindestens so weit vom Thema wegführt wie eine Reise ins 16. und 17. Jahrhundert zu meinen rauen, furchtlosen Söldnertruppen.
Und um die soll es hier schließlich auch gehen. Da ich mir also die o.g. Frage beim Aufwachen, ganz bestimmt aber spätestens beim Einschlafen (wenn die Gedanken-Polonnaise durch meinen Kopf tanzt) stelle, ist es an der Zeit Pragmatismus walten zu lassen.
Den geneigten LeserInnen wird auffallen, dass der Pragmatismus der meisten Leute (ebenso wie deren Alltag) nicht ganz so sonnig und lebenslustig ist wie der von mir angewandte. Die Nachahmung wird allerdings ausdrücklich empfohlen! ;)
Mein Pragmatimus hat in der Gegenwart viel mit Geoffrey und Karl Horst zu tun und soll mir das Thema meiner Arbeit besser veranschaulichen.
[Geoffrey, der; Karl Horst, der: Wenn man/frau die Welt ein wenig genauer unter die Lupe nimmt, so wird sich schnell herausstellen, dass nicht nur Mensch und Tier welche besitzen. So manch eine/r gibt seinem/ihrem Auto einen Namen, warum also nicht auch ein Rad benennen? Meins heißt Geoffrey und offenbart sogleich meinen neuen sonnigen Pragmatismus: Geoffreys Namenspatron ist der großartige Frühe Neuzeit-Historiker Geoffrey Parker, der in meinem Fall vor allem viel über meuternde Söldner in spanischen Diensten herausgefunden hat und auch sonst ein ganz sympathischer Kerl zu sein scheint. Doch damit nicht genug. Eine ähnliche Linie verfolgt der Name meiner Zimmerpflanze Karl Horst, die wiederum nach meinem Doktorvater benannt ist. Nur dass dessen Name genau umgedreht und mit einem C lautet. Die Intention beider Nominationen ist offensichtlich: meine Promotion in mein Leben einbinden oder umgekehrt mein Leben an meiner Promotion teil haben lassen. Verrückt, ich weiß.]
Wie funktioniert das bei meuterenden, marodierenden und finsteren Söldnern im Rheinland? Ganz einfach: Ich begebe mich an die Orte, an denen sie gewirkt haben. Wie es der Zufall bzw. die Logik so will, befinde ich mich ja nun mitten im Rheinland. Alle Orte, die ich vorher nur als leere Worthülsen in den Quellen oder der Literatur entdeckte, existieren auch wirklichi (schonmal eine gute Nachricht!) und sind zu einem großen Teil per Geoffrey leicht zu erreichen. Schloss Burg, Burg Zons, Krefeld, Kaiserswerth, Linn - bald werde ich sie alle persönlich erschlossen haben und vielleicht sogar einen Abstecher in die Nahe gelegenen Niederlande machen, die ja ebenso zu meinem Untersuchungsgebiet gehören.
Den Anfang machte heute Kaiserswerth, die alte Kaiserpfalz, die das Herz jedes Mediävisten höher schlagen lässt und jenes des Barbarossa-Anhängers bricht. Nicht nur handelt es sich um Düsseldorfs ältesten Stadtteil (Gründung um 1045, sondern auch um einen gerne frequentierten Aufenthaltsort der römischen Kaiser ab Barbarossa, der es auch zur Einnahmestätte des begehrten Rheinzolls machte. Mit der Schwächung des Kaiserstums in der Folgezeit wird der schmucke Ort allerdings an den Kölner Erzbischof verpfändet, sodass es auf lange Zeit eine kölnische Enklave im eigentlichen bergischen Umland darstellt.
Was nun meine Söldnerhorden betrifft, so werden auch sie von jenem geschichtsträchtigen Ort angezogen: 1578 noch das "Liebesnest" des zum Protestantismus konvertierten Kölner Erzbischof Gebhard Truchseß von Waldburg wird es kurz darauf von seinen katholischen Gegner (allen voran der Chorbischof Friedrich von Sachsen als Mitglied des Domkapitels) im Handstreich genommen, ein Überfall truchsessischer Truppen im Juni 1586 abgewehrt. Wie so oft ist mit dem Ende der Auseinandersetzung um das Kölner Erzbistum noch kein Ende der Gewalthandlungen in Sicht: Im sog. Klevischen Erbfolgestreit und dem Dreißigjährigen Krieg fällt Kaiserswerth zunächst in die Hände der Spanier, die auf katholischer Seite in das Kriegsgeschehen eingegriffen haben und das Umland plündernd und brandschatzend heimsuchen. Erst 1592 gelingt es sie aus der Pfalz zu vertreiben - die kriegerischen Geschehnisse sind damit freilich noch lange nicht beigelegt...
Zugegeben: Von Mord und Totschlag war an diesem sonnigen Tag wenig zu sehen, die Historizität der wirklich schönen kleinen Stadt ist jedoch augenscheinlich. ;)
Düsseldorf
Kaiserswerth
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