
Ich bin im Exil. Nicht im Sinne einer Flucht aus politischen oder ähnlich bedeutsamen Gründen, jedoch im Dienste der Wissenschaft. Diesmal hat es mich für einige Wochen an den Rhein verschlagen, nämlich nach Düsseldorf.
[längste Theke der Welt, die: Steht angeblich in Düsseldorf, gemeint ist aber eine immense Ansammlung von Kneipen im Altstadtviertel. Dort kann man wahlweise das berühmt berüchtigte Altbier oder den Fünf-Uhr-Kompromiss in sonstiger Form finden. Dazu reichen aber eigentlich auch die zahllosen „Trinkhallen“, die über die 580.000 Einwohner Stadt verteilt sind und die gar nicht vermuten lassen, dass in Volksliedern besungenen „Perle am Rhein“ Milch und Honig im Übermaß fließen. Ausdruck davon ist etwa der Medienhafen, dem aufgemotzten Hafenviertel, in dessen Prachtspiegeln sich die Reichen und Schönen gerne spiegeln. Nicht minder bekannt ist das etwas gespannte Verhältnis zu den Kölner Jecken, die sowohl sportliche als auch - wie sollte es anders sein - eine historische Tradition hat. Gemeinsam dürfte beiden Städten die berüchtige Kneipenkultur sein: Ob ein Altbier in Düsseldorf oder ein Kölsch in Köln, an der Theke finden sich am Ende doch alle wieder.]
Jedoch kommt natürlich erst die Arbeit und dann das Vergnügen: Das Hauptstaatsarchiv Düsseldorf und dessen Abteilung Rheinland ist naturgemäß mein Arbeitsort und auch der Blick auf den Stadtplan und Unterwegsbahnhöfe zwischen Düsseldorf und Köln erinnert mich immer wieder an plündernde, oftmals alkoholisierte Söldnerhorden, die die niederrheinische Umgegend heimsuchen und verwüsten, ähnlich einer Horde betrunkener Touristen auf der Fressmeile der Stadt. (Da sag mal jemand, mein Dissertationsthema sei nicht aus dem Leben gegriffen.)
Wenn ich mich einmal nicht darin versuche, Handschriften aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu entziffern und deren Semantik zu ergründen, residiere ich, wie es einem B-Promi gebührt, in einem Hotel in Bahnhofsnähe: dem friends Hotel.
Es handelt sich um ein sehr sympathisches und geschmackvoll eingerichtetes Hotel, der erschwinglichen Preisklasse (45 Euro EZ/ 69 Euro DZ), mit sehr freundlichem Personal und einer passablen Internetverbindung. Dem Leben in Saus und Braus wird allerdings durch die Lage des Hotels Einhalt geboten. Gibt man etwa den Suchbegriff „Supermarkt“ bei Google Maps ein, stößt man (mal abgesehen von Kaisers nebenan) ausschließlich auf türkische, afrikanische, libanesische etc. Lebensmittelmärkte und die nahegelegene S-Bahn Haltestelle und angrenzende Trinkhallen sind ein beliebter Treffpunkt sozialer Aussteiger.
[Sozialer Brennpunkt, der: Jede noch so schmucke Bilderbuchstadt hat sie, die etwas heruntergekommenen Bezirke, die sich oft in Randgebieten oder in Bahnhofsnähe befinden. Auffällige Merkmale sind die erhöhte Frequenz von Sportwetten-Läden/Casinos/ Trinkhalten, Bierbörse, Bierexpress oder sonstigem, was den Existenzzweck des Etablissements deutlich in der Benennung widerspiegelt/ ein erhöhtes Maß an Verschmutzung/ zumindest gerüchteweise erhöhte Kriminalität plus unzählbare weitere Phänomene, die der gewohnten gesellschaftlichen "Normalität" ein Fragezeichen aufdrängen.
Bereits mehrfach hatte ich die Ehre in einem derartigen Bezirk zu wohnen, besonders wenn man an mein Auslandssemester in Frankreich denkt. Leute, die bereits um acht Uhr abends in fremden Hauseingängen lagen, die Körperinhalte am helllichten Tag auf den Gehsteig entleerten und Orte, an denen man auch mal nach Feuer zum Zerkleinern von Crack gefragt wurde, waren dort keine Seltenheit. (siehe auch Street-Credibility, die)]
Geoffrey (mein Rad) und ich sind jedoch wenig beeindruckt und haben uns die Zeit mit gemeinsamen Ausflügen, exorbitantem Kaffeekonsum, Konsum von Textilien, Rheinblick oder sonstigem Lifestyle vertrieben. Die Früchte, dieser Unternehmungen sind vor allem folgende Tipps für gelungene Stunden in Düsseldorf:
Gut & Gerne Schokolade(Burgplatz 3-5, 40213 Düsseldorf)
Es handelt sich um eine ganz entzückende Chocolaterie, die mit ihrem in Holz gehaltenen, hellen Interieur zu einer Tasse heißer Schokolade (verschiedenprozentig, je nach "Schokoschock"-Bedarf) oder einem kühlen Frappé in diversen Geschmacksrichtungen (etwa Chili und Cocos) einlädt. Nach der Art Pariser Straßencafés mit angrenzendem Pralinenladen kann man hier der tobenden Welt für einige Zeit den Rücken zukehren.
Libanon Express (Berger Straße 21, Altstadt)
Wer der Schließung Al Madinas in Gießen nachtrauert, wird in diesem Imbiss Trost finden. Leckere Falafel, Chawarma, Tabouleh und weitere libanesische Spezialitäten laden zu einem Ausflug in diesen Teil der Fressmeile ein. Im Gegensatz zu den umliegenden Lokalitäten erscheinen die Preise fernerhin noch erschwinglich - ein weiterer Pluspunkt.
...to be continued!
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